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Eine präsidiale Geschichtsstunde


Robert Caro hat die letzten 40 Jahre mit einem Mann verbracht, dem er in seinem Leben ein einziges Mal die Hand geschüttelt hat. Seine Biographie Lyndon Johnsons sollte drei Bände umfassen; der vierte, The Passage of Power, erscheint am 1. Mai, am fünften – und wahrscheinlich letzten – arbeitet Caro bereits. Seine Sorgfalt bei der Recherche ist so legendär wie seine Fähigkeit, die Macht eines Mannes in Worte zu fassen. Aus einem faszinierenden Artikel in der New York Times:

[Caro] knows Johnson’s good side and his bad: how he became the youngest Senate majority leader in history and how, by whispering one thing in the ears of the Southern senators and another in Northern ears, he got the Civil Rights Act of 1957 through a Congress that had squelched every civil rights bill since 1875; how he fudged his war record and earned himself a medal by doing nothing more than taking a single plane ride; how, while vice president during the Cuban missile crisis, his hawkishness scared the daylights out of President Kennedy and his brother Robert. Caro has learned about Johnson’s rages, his ruthlessness, his lies, his bribes, his insecurities, his wheedling, his groveling, his bluster, his sycophancy, his charm, his kindness, his streak of compassion, his friends, his enemies, his girlfriends, his gofers and bagmen, his table manners, his drinking habits, even his nickname for his penis: not Johnson, but Jumbo.

Das Entstehen dieser Meisterwerke ist so faszinierend wie das Leben ihres Protagonisten. Der vierte Band beginnt 1960 mit LBJs Präsidentschaftskandidatur, erzählt seine Zeit als John F. Kennedys Vizepräsident, und endet mit Johnsons ersten Monaten im Weißen Haus, in denen er zum Vater so atemberaubender wie unwahrscheinlicher Erfolge wurde.

Mit dem Porträt dieser Jahre hat Caro mehr Zeit verbracht als Johnson damit, sie zu leben. Und so ist die große Sorge seiner Millionen Leser, dass der 76-Jährige sein Werk nicht vollenden könnte. Aus einem ebenfalls lesenswerten Porträt in Esquire:

Caro has requested in his will that nobody finish it for him, either.

Das CSPAN-Interview stammt aus dem Jahr 2009 und bietet einen interessanten Einblick in Caros Arbeitsweise, die sich seit vierzig Jahren nicht verändert hat.

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Aus dem neu erschienenen The President’s Club:

Clinton offered George W. Bush speech tips; Lyndon Johnson showed Richard Nixon where he hid the tape recorders; Ronald Reagan taught Clinton how to salute properly during his transition; Nixon gave Clinton advice about Russia, and how to organize his day.

Lesenswert (oder lesbar) ist es offenbar nicht; die Times-Rezension ist vernichtend.

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PBS’ wundervolle Reihe American Experience hat einen Blick auf Bill Clintons Leben und Werk geworfen, in deren Verlauf der ehemalige Präsident nicht nur als größtes politisches Talent seiner Zeit erscheint, sondern auch als sein gefährlichster Gegner. Es ist Clintons Tragik, dass von seinen acht Jahren im Weißen Haus vor allem ein Gefühl von Unerfülltheit und die Erinnerung an eine Praktikantin zurückbleiben.

Die Clinton-Folge gibt es hier in voller Länge, viele weitere Episoden (unter anderem über Franklin D. Roosevelt und Ronald Reagan) hier.

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Aber wann sind eine Präsidentschaft schon erfüllt oder ein Präsident groß? Offenbar nur, wenn der Amtsinhaber einen – möglichst blutigen – Krieg geführt hat, wie eine neue Studie von David R. Henderson und Zachary Gochenour zeigt:

We find that a strong predictor of greatness is the fraction of American lives lost in war during a president’s tenure. We find this predictor to be robust and compare favorably to other predictors used in previous historical research.

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Demnächst geht’s hier wieder um den weniger glorreichen, dafür aber weitgehend unblutigen Wahlkampf zwischen Barack Obama und Mitt Romney.

Anmerkungen zum Auswerten von Umfragen


Umfragen zur US-Präsidentenwahl zwischen Barack Obama und Mitt Romney (Grafik: Huffington Post/Pollster)

Nachdem die republikanischen Vorwahlen praktisch vorbei sind, wenden sich nicht nur die Wahlkampf-Beobachter dem Rennen zwischen Barack Obama und Mitt Romney zu. Auch die Umfrageinstitute konzentrieren sich nun auf November. Gallup veröffentlicht seit vorgestern seine Daily Tracking Poll, für die täglich die Ergebnisse von Wählerbefragungen der letzten fünf Tage ausgewertet werden.

Der Statistiker Nate Silver hat zwölf Anmerkungen zu diesen Umfragen, die mehr als ein halbes Jahr vor der Präsidentenwahl von zweifelhaftem Wert sind. Die meisten Wähler zollen dem Wahlkampf noch keine Aufmerksamkeit. (Angesichts der heutigen Aufregung darüber, ob Obamas Konsum von Hundefleisch als Kind oder Romneys Transport seines Hundes auf dem Autodach schlimmer waren, beneide ich diese Gleichgültigkeit. Mehr dazu – natürlich – bei der Huffington Post.)

Drei von Silvers Hinweisen finde ich besonders wichtig:

Wahl-Umfragen sind langsamer als Vorwahl-Umfragen

An den Vorwahlen beteiligen sich in der Regel registrierte Parteimitglieder, die den politischen Diskurs intensiver verfolgen und ihre Meinung schneller ändern als der Rest der Wählerschaft. Einzelne Umfragen sind deswegen keine umfassenden Momentaufnahmen, sondern liefern höchstens Anzeichen für allgemeine Stimmungen.1

Wahrscheinliche Wähler neigen zu den Republikanern

Einige Umfrageinstitute berücksichtigen in ihren Ergebnissen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Wähler am Wahltag auch wirklich zur Urne geht. Andere Demoskopen hingegen wollen nur wissen, ob ein Befragter für die Wahl registriert ist (oder zählen gar die Stimmen aller Erwachsenen). Der Vergleich von Zahlen, die auf unterschiedlichen Methoden basieren, ist jedoch wie einer zwischen Äpfeln und Birnen. Kurz gesagt schneiden republikanische Nominierte in Umfragen unter wahrscheinlichen Wählern zwei Prozentpunkte besser ab als in Befragungen registrierter Wähler.

Am aussagekräftigsten ist die Zufriedenheit mit Obama

Je weiter eine Wahl entfernt ist, desto schwieriger ist sie naturgemäß vorherzusagen. Eine grobe Faustregel hilft jedoch seit sechs Jahrzehnten: Beträgt die Zustimmung zum Präsidenten im Wahlmonat mehr als fünfzig Prozent, gewinnt er eine zweite Amtszeit (selbst wenn er wie Bill Clinton 1996 weniger als fünfzig Prozent der Stimmen gewinnt); liegt sie darunter, zieht sein Gegner ins Weiße Haus ein. Die Zahl bietet zwar keine absolute Gewissheit (George W. Bush übersprang die Marke 2004 erst im Oktober), aber sie ist ein vergleichsweise verlässlicher Indikator.

Auch die übrigen neun Hinweise von Nate Silver sind lesens- und beachtenswert.

  1. Um nicht der Verführung spektakulärer Ausreißer zu erliegen, bin ich ein so großer Fan des Umfragedurchschnitts von RealClearPolitics, der rechts oben auf dieser Seite eingebunden ist.

Ein Rückzug zur richtigen Zeit


Rick Santorums Rückzug aus dem Rennen um die republikanische Nominierung kam im richtigen Augenblick: Die Republikaner, die Medien und nicht zuletzt auch die Demokraten waren des Vorwahlkampfs überdrüssig und bereit, zur Entscheidung zwischen Barack Obama und Mitt Romney überzugehen.

Zwar ist Romney immer noch weit von den 1.144 Delegierten entfernt, die er bei der republikanischen Convention in Tampa benötigt, um als Präsidentschaftskandidat nominiert zu werden. Laut den Zahlen der Republikanischen Partei hat er dennoch einen Vorsprung von rund 400 Delegierten vor Santorum, dessen Aussichten in den kommenden Wahlgängen alles andere als rosig waren. In seinem Heimatstaat Pennsylvania, den er zwölf Jahre im Senat vertreten hat, schrumpfte sein Vorsprung in den letzten Tagen immer weiter zusammen. Dabei ging es für Santorum dort nicht nur um die Delegierten, sondern auch um die Überwindung seiner Niederlage im Jahr 2006, als er das Rennen um seine Wiederwahl mit 17 Prozentpunkten verlor, weil insbesondere weibliche und unabhängige Wähler ihm das Vertrauen entzogen. Diese beiden Gruppen brauchen die Republikaner aber, um Obama zu schlagen, und in beiden haben sie auch ohne einen Erzkonservativen an der Spitze schon genug Probleme. Eine erneute Niederlage in Pennsylvania hätte den Zweifeln vieler Republikaner an Santorums Wählbarkeit neue Nahrung gegeben.

Darüber hinaus werden die Abstimmungen der nächsten Wochen von New York (95 Delegierte), Kalifornien (172) und Texas (155) dominiert. In New York führt Romney uneinholbar, in Kalifornien hätte er dank des winner-take-all-Systems wohl keinen einzigen Delegierten für Santorum übrig gelassen. Um mithalten zu können, hätte Santorum Texas auf seiner Seite gebraucht. Wegen zahlreicher juristischer Probleme ist noch nicht ganz klar, wie die Vorwahl dort ablaufen wird, aber zuletzt wurde eine winner-takes-all-Abstimmung immer unwahrscheinlicher. Ein Sprecher bestätigte, dass dies ein wesentlicher Grund für Santorum war, sich aus dem Rennen zu verabschieden.

Die republikanischen Regeln machten es für ihn sogar schwer, jene Zahl von Delegierten zu halten, die hinter ihm vermutet wurde (Dave Weigel hat erklärt, warum die gegenwärtigen Zahlen nur Schätzungen sind). In North Dakota hatte Santorum zwar die Vorwahl gewonnen, aber nachdem der lokale Parteitag die einzelnen Delegierten nominiert hatte, waren die meisten von ihnen Romney-Anhänger.

Santorums einzige Chance auf die Nominierung bestand schon lange nicht mehr darin, mehr Delegierte als Romney zu gewinnen, sondern diesen am Gewinn der notwendigen 1.144 Unterstützer in Tampa zu hindern. Es wäre eine historische Convention geworden, denn erstmals seit Jahrzehnten hätte der republikanische Kandidat nicht schon im Vorfeld festgestanden. Warum die Delegierten dann aber den Zweiten hätten nominieren sollen und nicht jenen Spitzenreiter, dem nur ein paar Stimmen fehlten, hat Santorum nie erklären können.

In seiner Rückzugsrede hat Santorum zwar keine Wahlempfehlung für seinen einstigen Gegner ausgesprochen, aber wahrscheinlich wird er das in den kommenden Tagen bei einem gemeinsamen Auftritt nachholen. Schon jetzt kann er aber Vorwürfe abwehren, er habe die Partei gespalten und Romney im Rennen gegen Barack Obama geschwächt. Und nach der Niederlage 2006 ist seine Reputation als Sprecher der Konservativen nun wiederhergestellt – und er könnte versuchen, daraus 2016 Kapital zu schlagen, falls die Republikaner im Herbst verlieren.

Barack Obama: I’m Sexy And I Know It


Der Song passt zu Obama wie die Faust aufs Auge.

Gewinnen ist kein Kinderspiel


Eigentlich wollte ich hier einen ähnlichen Beitrag schreiben wie Alex Massie, der seinen so betitelt, dass keine Fragen offen bleiben:

Illinois Votes; Mitt Romney Wins; Race Still Over

Auch heute greift jedoch jene Wahlkampf-Wahrheit, der Rick Santorum seine Mini-Chance verdankt, in diesem Rennen noch etwas zu reißen: Romney kann in Führung gehen, aber nicht gewinnen.

Der Reihe nach: Gestern holte Romney einen dieser Staaten, die ihm liegen. Illinois wird von der Metropole Chicago dominiert, ist politisch und religiös recht moderat und verlangt nach einem Wahlkämpfer, der finanziell und organisatorisch gut aufgestellt ist. Mit 47 Prozent (41 Delegierte) fuhr Romney jenen deutlichen Vorsprung vor Santorums 35 Prozent (10 Delegierte) ein, den ihm die Medien abverlangten, um seinen Sieg als “überzeugend” zu beschreiben.

Romney und sein Team haben jedoch wiederholt bewiesen, wie leichtfertig sie das Momentum solcher Erfolge verspielen. Nach New Hampshire fanden sie in South Carolina kein Mittel gegen Newt Gingrich, nach Florida und Nevada ließen sie Santorums Überraschungssiege in Colorado, Minnesota und Missouri zu, und in Michigan und Ohio weckten sie vor der Wahl so hohe Erwartungen, dass die ersten Plätze am Ende mickrig wirkten.

Nach Illinois ruiniert nun ausgerechnet der Kommunikationschef den Sieg. Auf die Frage, ob Romney in der langen Vorwahl zu weit nach rechts rücke und ihm dies im November bei unabhängigen Wählern schade, antwortete Eric Fehrnstrom:

I think you hit a reset button for the fall campaign. Everything changes. It’s almost like an Etch A Sketch. You can kind of shake it up and restart all of over again.

Abschütteln und neu anfangen, als sei der Wahlkampf eine Zaubertafel, auf der man unliebsame Positionen einfach wegwischt – so sehen konservative Wähler Romney schon jetzt (selbst in Illinois verlor er diese Gruppe mit 37 zu 48 Prozent an Santorum). Dass dieses Bild eines Romney-Mitarbeiters griffiger ist als alle Metaphern, die Santorum oder Gingrich bisher gefunden haben, um die Meinungswechsel des Spitzenreiters zu beschreiben, sahen beide schnell ein:

Rick Santorum und Newt Gingrich mit Etch-A-Sketchs (via David Weigel)

Will the real Mitt Romney please stand up?


Will the real Mitt Romney please stand up? feat. Eminem (und Barack Obama). Bei mir hat’s zum Ohrwurm gereicht. Am Ende eher NSFW (“mass debating”).

Eine Amtszeit in 17 Minuten


The Road We’ve Traveled heißt der filmische Rückblick auf Barack Obamas Erfolge im Weißen Haus. Unter der Regie von Davis Guggenheim, der für Al Gores An Inconvenient Truth einen Oscar gewann, rekapituliert Tom Hanks die Amtszeit des Präsidenten und hat – Achtung, Spoiler! – nur Gutes zu vermelden.

Obamas Team will mit dem Film die Begeisterung der Wähler, die ihn 2008 ins Amt trug, wiedererwecken. Der Film hat drei Schwerpunkte – das Verhindern einer zweiten Great Depression, die Reform des Gesundheitswesens und das Ende von Osama bin Laden –, aber vor allem ein Thema: Der Präsident ist bereit, richtige Entscheidungen auch dann zu treffen, wenn sie schwierig oder unpopulär sind. (Um den Kontrast zu den Republikanern zu unterstreichen, bekommt Mitt Romneys Beitrag Let Detroit Go Bankrupt in der New York Times einen kurzen Auftritt.) Zwischendurch darf Obamas demokratischer Vorgänger und einstiger Wahlkampf-Gegner Bill Clinton die Rettung der Auto-Industrie und die Entscheidung, SEAL Team Six nach Abbottabad zu schicken, würdigen. Am Ende werden weitere Erfolge eingestreut, darunter bessere Regeln für Studienkredite und die Ernennung zweier Richterinnen für den Supreme Court, bis für fast jeden etwas dabei ist.

Rund 350.000 Dollar hat Team Obama sich diese Reise durch die letzten drei Jahre kosten lassen, die einen optimistischen Gegensatz zum zunehmend bitteren Kampf um die republikanische Nominierung bildet. Auf über 300 viewing parties trafen Anhänger am Tag der Premiere zusammen, um die Premiere des Films und einen Live-Stream mit Obamas Chef-Stratege David Axelrod zu sehen. Das Event wurde an einigen Orten gleich mit einer Einführung in Telefonkampagnen und die Registrierung von Wählern verbunden – mit Begeisterung allein gewinnt man schließlich keine zweite Amtszeit.

Über weite Strecken fühlte der Film sich allerdings wie ein zu lang geratener Werbespot an. Optimistisch ja, aber auch ziemlich generisch. Ebenso wenig wie die drei Jahre im Weißen Haus selbst kann Guggenheims “Dokumentation” an die Atmosphäre um will.i.ams Yes We Can anknüpfen. Wer von Obamas Weitsicht überzeugt ist oder ihn zumindest für das kleinere Übel hält, wird sich bestätigt fühlen. Die beste Hoffnung des Präsidenten ist aber immer noch, dass die Wirtschaft endlich anzieht, denn die Botschaft “Es hätte schlimmer kommen können” wirkt auch dann nicht motivierender, wenn sie mit imposanten Bildern und stimmungsvoller Musik unterlegt ist.

Einen authentischen Moment gibt es, nach circa achteinhalb Minuten, als Obama seine Motivation für die Gesundheitsreform persönlicher und überzeugender erklärt als je zuvor:

When my mom got cancer, the wasn’t a wealthy women. And it pretty much drained all her resources.

Dann hat seine Frau Michelle ihren einzigen Auftritt im ganzen Film:

That’s a tough thing to deal with, watching your mother die of something that could have been prevented.

Für mich waren es die stärksten 30 Sekunden dieser 17 Minuten.

Viel finden, wenig wissen


Wer Blogs wie dieses liest, dem unterstelle ich ein überdurchschnittliches Interesse an amerikanischer Politik, das wahrscheinlich größer ist als das durchschnittlicher US-Bürger. Obwohl wir uns in der heißen Phase des Vorwahlkampfes befinden, werden viele Wähler erst einschalten, wenn im Oktober die TV-Debatten zwischen Barack Obama und seinem republikanischen Gegner stattfinden.

John Sides illustriert das an der Debatte um Rush Limbaughs Angriffe gegen die Georgetown-Studententin Sandra Fluke, deren Hintergrund Stefan Bachleitner ausführlich dargestellt hat. Die Auseinandersetzung dominierte rund eine Woche lang die Medien, doch an einem Großteil der Wähler ging ein entscheidender Teil der Geschichte – Barack Obamas Anruf bei Fluke – vorbei:

Who called Sandra Fluke? (Grafik: YouGov)

In Politico wird Alex Burns grundsätzlicher und fragt, wie viel Ahnung die Wähler überhaupt haben. Wie Forrest Gump irrten sie durch den Wahlkampf-Dschungel, schlussfolgert er:

Obama’s job approval dropped 9 points over the last month, according to a CBS/New York Times poll, as the cost of fuel has risen abruptly. The survey found that 54 percent of Americans believe that the president can do a lot to combat high gas prices.

For voters to disapprove of Obama’s energy and economic policies may be completely rational. But to reassess a president’s performance in the context of a short-term increase in gas prices is more of a tantrum-like response to a new feeling of discomfort over which the president has relatively little control.

Sowohl Republikaner als auch Demokraten in Burns Artikel sehen diese Irrationalität des Wahlvolks teilweise als Ausdruck vom Emotionen statt Überlegung. In diese Richtung argumentiert auch der Psychologe Jonathan Haidt in seinem neuen Buch The Righteous Mind. Bei Themen wie Politik oder Religion, die zu moralischen Schlachtfeldern werden, sei die Moral das erste Opfer:

… when it crosses the line from “we disagree with you” to “you are evil,” then people begin to believe the ends justify the means and all hell breaks loose. That’s where we are now in the U.S. where politicians and their consultants will do all kinds of devious, underhand, sometimes illegal things to help their party win and to damage the other party. They think that if you’re fighting Satan, it’s OK to break the rules.

Zur Verteidigung dieser Politiker und ihrer Berater kann man einwerfen, dass die Wähler diesem Verhalten wenig entgegensetzen. Im Gegenteil, die aufgeheizte Stimmung wird zu einem Dauerzustand, in dem selbst absurdeste Behauptungen für bare Münze genommen werden, obwohl sie hundertfach widerlegt wurden:

[A] poll of Mississippi Republicans found that 52% said they believed Obama is a Muslim, 36% weren’t sure and only 12% said they believed he is a Christian. He fared slightly better in Alabama, where 45% said he is a Muslim, 41% weren’t sure, and 14% said he is a Christian.

Das ist kein einseitiges Phänomen. Zehnmal so viele Demokraten wie Republikaner (20 zu 2 Prozent) geben an, die Vorstellung eines mormonischen Präsidenten bereite ihnen starkes Unbehagen. Der Wert ist für die Demokraten in den letzten fünf Jahren nahezu unverändert geblieben, in der gleichen Zeit unter den Republikanern aber von 30 Prozent gefallen. Der wichtigste Faktor hinter diesen Unterschied zwischen den Parteianhängern ist wohl Mitt Romney: Er gibt den Republikanern einen Grund, ihre Haltung zu überdenken, während ein Teil der Demokraten ihre Abneigung gegen den Kandidaten auf seine Religion überträgt.

Rational ist das nicht – aber offenbar typisch.

Fünf Fazits nach Alabama und Mississippi


Nach den knappen Vorsprüngen Mitt Romneys in Michigan und Ohio hat Rick Santorum in Alabama und Mississippi so etwas wie Gerechtigkeit erfahren. Sein überraschender Doppelsieg macht ihn nun zur offiziellen konservativen Alternative im Rennen um die republikanische Nominierung. Was bedeutet das für den restlichen Vorwahlkampf? Fünf Fazits.

1. Romney kann seine Basis nicht verbreitern

Die Exit Polls (AL, MS) bestätigen, was wir seit bald drei Monaten wissen: Mitt Romney kann seine Basis nicht verbreitern. Er hat immer noch in keinem klassischen Südstaat gewonnen1 und wieder nur jene Gruppen hinter sich vereint, die ihn schon in der Vergangenheit unterstützt haben (in Klammern der Anteil an allen Befragten in Prozent):

  • Ablehnende Haltung zur Tea Party (AL 9, MS 6)
  • Abtreibungsbefürworter (AL & MS 26)
  • Religion eines Kandidaten ist nicht oder nicht so wichtig (AL 23, MS 21)
  • Einkommen von über als 100.000 Dollar (AL 23, MS 26)
  • Moderate und Liberale (AL 33, MS 29)
  • Nicht-Evangelikale (AL 25, MS 20)
  • Sieg über Obama das wichtigste Kriterium (AL 36, MS 39)

Nur die letzte dieser Gruppen ist ein elementarer Bestandteil der republikanischen Wähler-Koalition und erreicht eine kritische Masse. Bei diesen Wählern fährt Romney hohe Zustimmungswerte ein (AL 51, MS 46), aber ihre Unterstützung hilft ihm nicht, sein Glaubwürdigkeitsproblem mit Evangelikalen und Konservativen zu überwinden oder jene von sich zu überzeugen, die weniger als 100.ooo Dollar pro Jahr verdienen.

2. Santorums “Frauenproblem” wird überschätzt

In Artikeln und Tweets berichten Reporter seit Wochen, dass zu Rick Santorums Wahlkampfveranstaltungen viele Mütter mit ihren Kindern erscheinen. Angesichts seiner Ablehnung von Abtreibungen, seiner Kritik am Feminismus und seinen Vorbehalten gegenüber der Gleichberechtigung von Frauen und Männern wirkten diese anekdotischen Beobachtungen wie unwahrscheinliche Ausnahmen.

Diese Annahme war nicht ganz unberechtigt. In Michigan lag Santorum bei Frauen mit 38 Prozent deutlich hinter Romneys 43; in Ohio führte er unter Männern 38 zu 37, unterlag jedoch bei Frauen mit 37 zu 40 Prozent. Angesichts der engen Wahlausgänge in beiden Staaten könnte ihn das jeweils den Sieg gekostet haben.

In den letzten Tagen hat Santorum deswegen über seine berufstätige Mutter gesprochen und seine Frau in den Vordergrund gerückt. Diese kosmetischen Maßnahmen hatten offenbar Erfolg, denn sowohl in Alabama (Santorum 38 Prozent, Romney 30, Gingrich 25) als auch Mississippi (Santorum 35, Romney 32, Gingrich 29) schnitt er unter weiblichen Wählern besser ab als unter männlichen.

3. Gingrich ist bedeutungslos – außer für Romney

Newt Gingrich konnte mit South Carolina und seiner Heimat Georgia bisher nur zwei Staaten gewinnen. Weil aber beide im Süden liegen, der traditionell das Fundament für republikanische Wahlsiege bildet,2 wurden diese Erfolge überproportional zu seinen Gunsten gewertet. Um sich dieses Wohlwollen zu erhalten, hätte Gingrichs Serie nicht enden dürfen, zumal Alabama an Georgia grenzt und diesem kulturell und politisch ähnelt.

Nachdem er in Mississippi 5.000 und in Alabama 30.000 Stimmen hinter Santorum ins Ziel kam, fehlt seinem Wahlkampf eine Perspektive. Nachdem Gingrich selbst in seiner Heimatregion keine Rückendeckung mehr hat, sind weitere Überweisungen der Familie Adelson unwahrscheinlich. Von deren 15 Millionen war sein SuperPAC in den letzten Monaten jedoch abhängig, um TV-Spots zu schalten.

Bleibt Gingrich im Rennen, ist er vor allem für Santorum eine unwillkommene Ablenkung. Die Exit Polls sagen nicht klar aus, wen seine Wähler im Falle seines Ausscheidens unterstützen würden, aber Nate Silver hat anhand anderer Umfragen eine Antwort versucht:

Slightly more than half (57 percent) of Mr. Gingrich’s supporters would go to Mr. Santorum. About a quarter (27 percent) would go to Mr. Romney. The remainder (16 percent) would go to Ron Paul.

Ohne Gingrich hätte Santorum in South Carolina, Georgia, Ohio und Alaska gute Chancen gehabt, besser als Romney abzuschneiden. In Michigan hätte es zumindest für eine Mehrheit der Delegierten gereicht, die dort nach Wahlkreisen verteilt wurden.

Hätte, könnte, sollte – das erscheint zunächst unwichtig. Doch da knappe Wahlausgänge in diesem Jahr eher die Regel als die Ausnahme sind, werden konservative Aktivisten den Druck auf Gingrich erhöhen, seine Kandidatur zurückzuziehen, um Santorums Chancen in einem Kopf-an-Kopf-Rennen gegen Romney zu stärken. Solange ist jede Stimme für Gingrich eine für Romney.

4. Romneys Wahlkampf wird überschätzt

Niemand habe erwartet, dass Romney Alabama oder Mississippi gewinnen könne, behauptete sein Wahlkampfchef, als die Ergebnisse feststanden. Das widerspricht nicht nur dem Tenor des Wahltages, an dem fast alle Reporter weitergaben, Romneys Team sei optimistisch – nicht zuletzt dank einer Rasmussen-Umfrage, die ihn deutlich in Führung sah. Auch der Kandidat selbst hatte hohe Erwartungen geweckt: “Morgen werden wir gewinnen”, sagte er am Tag vor den beiden Vorwahlen. Klappern gehört zum Geschäft, aber Romneys Sieg-Prognosen haben sich inzwischen wiederholt als falsch herausgestellt.

Der Wahlkampf wird zunehmend zu einer Belastung für Romneys Image, wie die stetig steigende rote Linie der Wähler zeigt, die ein negatives Bild von ihm haben:

Zustimmung/Ablehnung Mitt Romney

Mit Äußerungen, zu denen die Überschriften – und Angriffe – sich wie von selbst schreiben, hat er selbst dazu beigetragen. Gestern betonte Romney beispielsweise seine Freundschaft zu den reichen Besitzern großer Football-Vereine. Solche Fauxpas kratzen am Bild der fehlerfreien Wahlkampfmaschine.

Die Dauer des Rennens ist zugleich eine unerwartete finanzielle Belastung für ein Team, das mit einer Entscheidung spätestens an Super Tuesday gerechnet hatte. Aktuell ist Romney nicht in Missouri (52 Delegierte) oder Puerto Rico (20 Delegierte), die am Wochenende abstimmen, oder dem nächsten Dienstag wählenden Illinois (67 Delegierte). Stattdessen wirbt er in New York um Spenden statt um Stimmen.

5. Romneys Wahlkampf wird unterschätzt

Trotz der Rückschläge bleibt Romney jedoch der klare Favorit für die Nominierung. Selbst dieser enttäuschende Abend kratzt nicht an seinem Vorsprung bei den Delegierten, von denen er fast doppelt so viele wie sein Gegner hat. In Alabama holt er als Dritter immerhin noch neun (zu Santorums 18), in Mississippi liegt er sogar nur einen hinter Santorums 13.

Am Ende des Wahltages wird er wohl sogar mehr Delegierte als alle seine Gegner gewonnen haben: Aus Samoa, das als US-Territorium nicht über den Präsidenten entscheiden darf, aber bei parteiinternen Wahlen trotzdem Stimmrecht hat, nahm er neun Delegierte mit. Gewinnt er wie erwartet die noch laufenden Caucuses in Hawaii, das über 20 Delegierte verfügt, läge er in der Tagesbilanz vor Santorum.

Wählerstimmen sind nicht irrelevant, aber bei der Convention in Tampa zählen nur Delegierte. Unter denen hat Romney praktisch als einziger Kandidat die Chance, die Mehrheit von 1.144 zu erreichen. Der Rest der Partei wird sich dann zwischen August und November hinter ihn stellen, denn arme und reiche, moderate und konservative Republikaner sind sich einig, dass eine zweite Amtszeit für Barack Obama das größere Übel wäre.

Update: Inzwischen hat Romney Hawaii deutlich gewonnen.

  1. Florida liegt zwar im Süden, ist aber so speziell, dass es nicht wirklich zählt.
  2. Aus diesem Grund gilt Romneys Unfähigkeit, in dieser Region zu gewinnen, als Schwäche.

Spielen auf Zeit


Adrian Rosenthal schreibt bei Amerika wählt:

[F]alls Romney Ohio tatsächlich verlieren sollte, wäre dies ein herber Rückschlag für ihn und ein weiteres Zeichen seiner Schwäche – ganz unabhängig davon, wieviele Delegierte er gewinnen kann.

Hinter dieser Weisheit, die auch die US-Medien predigen, verbirgt sich ein Körnchen Wahrheit – und viel Wunschdenken. Abseits all der Umfragen und Abstimmungen in einzelnen Staaten steht der Ausgang dieses Wahlkampfes fest und der Sieger heißt Mitt Romney.

Ohio hat 63 Delegierte und ist der große Preis am Super Tuesday. Ein Sieg Rick Santorums wäre ein PR-Erfolg, der jedoch das unvermeidliche Ende nur weiter hinauszögern würde, und das ist nicht zuletzt Santorums Schuld: Selbst im Falle eines haushohen Triumphes, der laut den Umfragen nahezu ausgeschlossen ist, hat er 18 potenzielle Delegierte schon im Vorfeld verschenkt. Ohios Wähler stimmen nämlich nicht nur für staatsweite Delegierte, sondern auch für Repräsentanten ihrer jeweiligen Wahlbezirke. In einiger dieser Wahlbezirke – darunter solche, in denen seine Erfolgschancen besonders gut stünden – hat Santorum jedoch entweder gar keine Delegierten oder zu wenige benannt. Nachnominieren kann er diese nicht, sodass die Stimmen im Falle eines Sieges verfallen würden.

Das ist unverzeihlich, denn die Delegiertenstimmen Santorums einziger Weg zur Nominierung der Republikaner. Neben den offensichtlichen organisatorischen Schwächen hat er das Problem, dass die führenden Figuren seiner Partei ihn nicht an der Spitze sehen wollen. Kein führender Republikaner – insbesondere keiner seiner ehemaligen Kollegen im Senat – hat sich bisher hinter Santorum gestellt. Die wichtigen Endorsements dieses Wahlkampfes gingen alle an Mitt Romney (mit der Ausnahme von Herman Cain, der Newt Gingrich unterstützt).

Kein Wunder, redet sich Santorum doch selbst regelmäßig in die Unwählbarkeit. Romneys Millionen haben dazu beigetragen, dass sein Rückstand in Michigan und Ohio binnen weniger Tage zusammengeschmolzen ist, aber sie sind schwerlich der einzige Grund (so wirkungsvoll ist Negativwerbung nicht). Je länger sie Santorum ausgesetzt sind, desto mehr Wähler fallen von ihm ab. Seine Ablehnung von Abtreibungen mag ihm noch nicht schaden, doch seine Kritik an Colleges und seine Opposition gegen Verhütung kommen selbst bei weiten Teilen der Basis nicht an. Nahezu jeden Tag tritt Santorum aus freien Stücken aufs Neue in ein politisches Fettnäpfchen.

Seine Nominierung käme einer zweiten Amtszeit für Barack Obama gleich und wäre Ballast für jeden Republikaner, der im November um seine Wiederwahl in den Senat oder Repräsentantenhaus kämpfen muss.